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12. Mai 2012: GEISTLICH - WELTLICH

GEISTLICH - WELTLICH

ensemble cantissimo
ensemble cantissimo

ensemble cantissimo (Ltg. Markus Utz)
Daniel Herrmann (Orgel)

Das Konzert widmet sich einem heute fast vergessenen Komponisten: Heinrich von Herzogenberg. Es erklingen Orgelwerke von J. S. Bach und J. Brahms. Die religiöse Musik Anfang des 19. Jahrhunderts war oft nicht mehr bestimmt von ihrer kirchlichen Verwendung, sondern von den Empfindungen, die durch sie ausgelöst werden konnten. Und so unterteilte sich die geistliche Musik des 19. Jahrhunderts in religiöse Musik einerseits und streng kirchliche, also liturgisch gebundene, Musik andererseits. Die sonst so starken Grenzen zwischen geistlicher und weltlicher fliessen ineinander und die Bereiche inspirieren sich gegenseitig.
Um all den ästhetischen Problemen und Erwägungen nicht ausgesetzt zu sein, bedienten sich gerade die Komponisten geistlicher Musik zunehmend historischen Vorbildern. Dabei wurde jedoch im Grunde auf zwei verschiedene Vergangenheiten zurückgegriffen: die katholische Bewegung der Restauration sah ihren Ausgangspunkt im italienischen a-cappella Stil der Vokalpolyphonie der Renaissance, den vor allem Palestrina prägte. Die zeitlich fast parallel verlaufende Bewegung des protestantischen Historismus entstand auf der Grundlage der großen barocken Meister in Deutschland: Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel. Den Anstoß auf die Rückbesinnung zu Bach gab eine Aufführung der Matthäuspassion durch die Berliner Singakademie unter der Leitung von Felix Mendelssohn-Bartholdy im Jahre 1829. Auf Anregung des grossen Bach-Biographen Philipp Spitta wurde 1875 der Bach-Verein Leipzig gegründet mit dem Ziel, die bis dahin kaum aufgeführten Kantaten Bachs in Konzerten vorzustellen. Seit 1876 leitete Herzogenberg diesen Chor, was zu einer intensiven Beschäftigung mit dem Werk des Thomaskantors führte und seinen Kompositionsstil wesentlich beeinflusste.Heinrich von Herzogenberg gehört zu den Komponisten im Freundeskreis um Johannes Brahms, die anders als zu ihren Lebzeiten heute kaum bekannt sind, da sie durch die auf Brahms fixierte Musikgeschichtsschreibung ins Hintertreffen geraten sind. Besonderes Interesse verdient Herzogenberg durch seine wandlungsreiche Lebensgeschichte vom österreichischen Katholiken zum führenden Bach-Interpreten im evangelischen Leipzig, dann zum verbeamteten Professor im protestantischen Preußen, in seiner letzten Lebensphase schließlich mit dem kompositorischen Schwerpunkt evangelische Kirchenmusik. (Prof. Dr. Konrad Klek „Biographie Herzogenberg“ unter www.wissen.spiegel.de). Wilhelm Ehmann, der 1973 bereits die Choralmotetten op.102 herausgab, bemerkt richtig in seinem Vorwort: „Sie besitzen etwas von der höchst überlegen gehandhabten Kontrapunktik Brahmsscher Chorwerke, der drucklos dahinfliessenden Vokalisierung Mendelssohnscher Motetten und der Sakralität Brucknerscher Gesangssätze.“ Die hohe Qualität und Vielseitigkeit dieser Musik soll wieder mehr gewürdigt und einem breiten Publikum, Chören und Chorleitern zugänglich gemacht werden. Das ensemble cantissimo wurde vom Carus-Verlag Stuttgart ausgewählt und beauftragt, die CD Welt-Ersteinspielungen der gesamten Chorwerke Herzogenbergs zu machen. 2010 erschien die CD Vol.1 mit Frauenchören und Vokalsolisten-Quartetten mit Klavierbegleitung. 2011 erscheinen CD Vol.2 mit a cappella Werken. Sie erfolgen in Verbindung mit Noten-Neueditionen in Zusammenarbeit mit der Herzogenberg-Gesellschaft.